Leseprobe - "wenn es nacht wird in der birne" (21.10.2012)

Liebe Leserinnen und Leser,

nachfolgend finden Sie hier nun die versprochene Leseprobe von wenn es nacht wird in der birne, der ersten von insgesamt 17 Kurzgeschichten aus Nick Evans Kurzgeschichten-Sammlung VIP-very impertinent people (Stories von Leben und Tod). Es handelt sich hierbei um eine vom Autor für die geplante Neuauflage in 2013 überarbeitete Fassung. Sämtliche Rechte an VIP liegen bei Nick Evans. Eine komplette Story aus VIP wurde hier im Blog bereits am 01.03.2010 mit lady w. veröffentlicht. Sie finden diese in der Navigationsleiste unter der Rubrik Kurzgeschichten Nick Evans.





wenn es nacht wird in der birne


Es war schon recht spät an diesem Sommerabend in Paris. Der Himmel war klar und wenn man sich darauf einließ, konnte man sich in seiner Sternenvielfalt verlieren. Und doch hatte man das Gefühl, dass man die Luft hätte schneiden können.

„Viel schwül“, bemerkte Louis. „Könnte kotzen. Blutdruck macht mich fertig.“

„Solltest was gegen unternehmen“, sagte Jacques. „Sonst platzt irgendwann dein Schädel; du läufst blind durch die Gegend, siehst scheiße aus, und dir regnet‘s ständig in den Hals.“

Louis Perrier hielt sich für einen Schriftsteller, weil er vor einer halben Ewigkeit bei einem seinerzeit aufstrebenden Ärsche-und-Tittenblättchen ein paar Kurzgeschichten in einer eigens von ihm kreierten Rubrik namens „Banalités de la vie quotidienne d‘un clochard“ untergebracht hatte. Inzwischen kannte, zumindest dem Namen nach, jeder das „Butts & Boobs Magazine“, und nun hatten sie es nicht mehr nötig, ihre Seiten mit Banalitäten aus Louis Perriers Alltagsleben zu füllen.

Jacques Lacroix war recht erfolgreich als Texter einer renommierten Pariser Werbeagentur und seltsamerweise Louis langjähriger und bester Freund. Beide waren, im eigentlichen Widerspruch zu ihren Jobs, im Privatleben eiserne Verfechter des minimalistischen Sprachgebrauchs.
Jetzt saßen sie, wie fast an jedem Samstagabend, in dem kleinen Bistro schräg gegenüber des Place de l‘Opera auf der Terrasse und beobachteten die Reisebusse, die ankamen und Touristen aus aller Welt importierten und die abfahrenden, wie sie andere rauskarrten. Einen Haufen armseliger Arschlöcher.

„Was gegen unternehmen, ja?“ wiederholte Louis. „Und was denn zum Beispiel?“

„Weniger saufen wär ‘ne Maßnahme“, sagte Jacques und ließ seinen Cognacschwenker kreisen.

Möglicherweise hatte er da nicht ganz unrecht. Außer Möbelpolitur hatte Louis schon ziemlich alles ausprobiert, was flüssig war. Obwohl Jacques sich selbst bei der Möbelpolitur nicht ganz sicher war. Louis war 40, ging jedoch locker als Mittfünfziger durch. Mit seinen 1,80 Metern wog er gerade eben 125 Pfund, seine aschgrauen Haare hatten von der Stirn bis zum Scheitelbein bereits einer breiten Lichtung Platz gemacht und tief hängende Tränensäcke ließen seine blassblauen Augen noch blasser erscheinen. Seine Nase erinnerte an den Schnabel eines Greifvogels, seine Ohren waren gigantisch, seine Haut fahl und von tiefen Sorgenfalten durchzogen und die wenigen ihm verbliebenen Zähne waren von Nikotin, Kaffee und unzureichender Mundhygiene übelst gezeichnet. Irgendwie wirkte alles an dem Mann krank. Sogar seine Klamotten sahen krank aus.

„Wenn das dein bester Vorschlag war, möchte ich keine weiteren hören“, sagte Lou und stürzte den Rest seines Pernod in einem Zug hinunter.
„Außerdem nehme ich regelmäßig Tabletten dagegen“, warf er ein, nachdem er sich kurz und heftig geschüttelt hatte. „Morgens und abends.“

„Du wisse, dass der Tablett nix gutt für de Ficki-Ficki“, äffte Jacques seinen algerischen Nachbarn nach. Die beiden machten sich gern über Abdul lustig. Sie mochten ihn nicht. So wie sie allgemein keine Abduls mochten. Und keine Alis und keine Karls, keine Svens, Macs, Toms oder Ivans. So wie sie überhaupt keine Ausländer mochten.

„Nein, im Ernst“, fuhr Jacques fort. „Da ist Hängolin und Baumelwurz drin. Betablocker und so’n Scheiß.“

„Du hast ja keine Ahnung, Junge." Louis bezeichnete Jacques immer wieder als Junge, obwohl der 2 Jahre älter war als er selber. Aber er stellte rein äußerlich das genaue Gegenteil von Louis dar: jugendlich, gut aussehend; mit einem Körper, nach dem sich sogar jüngere, attraktive Frauen noch umdrehten. Aber mit Geld und einem vernünftigen Job konnte man vermutlich leicht gut aussehen. Und dennoch hatte Louis nie so etwas wie Neid durchblicken lassen. Es ging ihm einfach nur am Arsch vorbei. Und vielleicht war eben das Fehlen jeglicher Missgunst der Grund für die jahrelange Freundschaft der beiden Männer.

„Diese Betablocker sind nur in dem Zeug drin, das sie den alten Säcken verschreiben, die ihn eh nicht mehr hoch kriegen. Die Medizin, mein junger Freund“, sagte Louis, während er belehrend den Zeigefinger hob und ein furchtbar wichtiges Gesicht aufsetzte, „ist heute so weit fortgeschritten, dass wir über andere Mittel verfügen, der grassierenden Pestilenz Herr zu werden“.

„Deine Demenz ist auch weit fortgeschritten“, entgegnete Jacques. „Mach doch was du willst. Ist deine Gesundheit.“ Damit war für ihn das Thema erledigt.

Eine Frau schlenderte den Boulevard de la Madeleine herunter in ihre Richtung. Eine von der Sorte, die aus der Ferne ungemein attraktiv wirkte und deren gutes Aussehen sich dann mit jedem Schritt, den sie näher kam, drastisch relativierte. Sie trug ein blaues Sommerkleid mit einem Blumenmuster, in dem die Farbe Gelb dominierte und das trotz seines weiten Schnittes etwas prall in den Hüften saß. Die Nähte vermittelten indes keinen sehr stabilen Eindruck.
Auf dem Kopf hatte sie etwas, das einer Frisur nur sehr entfernt ähnelte: Ein Albtraum aus weißblondierter Dauerwelle, frisch gelegt und hart am Limit vorbei frisiert. Bei genauerem Hinsehen mochte sie etwa im gleichen Alter wie die beiden sein. Ihr Auftreten ließ auf eine Person schließen, die an einer anomalen Megalomanie laborierte.

„Warum trägt die eigentlich ihren Pudel auf dem Kopf spazieren?“ flüsterte Louis, als die Dame auf ungefähr zwanzig Schritte herangekommen war. Beide lachten. Sie war jetzt fast auf Höhe ihres Tisches angelangt und bedachte Lou mit einem verächtlichen Blick. Jacques lächelte ihr freundlich zu und deutete mit dem Kopf eine leichte Verbeugung an.

„Bon soir, Madame!“

Madame lächelte im Vorbeigehen etwas verlegen zurück.

„Und ein freundliches Wuff an den Herrn Gemahl!“ rief Louis ihr hinterher.

Jacques prustete los und wollte sich vor Lachen auf den Oberschenkel schlagen. Da er jedoch schon leicht angetrunken war, verfehlte er ihn, verlor das Gleichgewicht und schlug stattdessen mit dem Kopf auf die Tischplatte, dass die Gläser wackelten. Das spornte den Heiterkeitsausbruch der beiden jedoch noch weiter an. Madame beschleunigte ihre Schritte, und man meinte gar, durch ihren blondierten Pudel eine Verfärbung der Kopfhaut ins Dunkelrote ausmachen zu können. Dann war sie um die Ecke verschwunden.

„Was für ein Spaß“, bemerkte Jacques, immer noch mit Freudentränen in den Augen.

„Ja, nicht wahr!?“ stimmte Louis ihm zu, während er still in sich hineingrinste. Dann, als sich die beiden wieder beruhigt hatten, fragte er unvermittelt: „Wie geht‘s Juliette?“

„Weiß nicht. Hab‘ sie vor drei Wochen rausgeschmissen“, antwortete Jacques.

„Was lief schief?“

„Sie war‘s nicht.“

„Na, du hast Nerven“, entrüstete sich Lou.“ Juliette ist doch eine absolute Traumfrau. Ich würde mir ‘nen kleinen Finger für so eine abhacken. Und alles, was dir zu ihr einfällt, ist: Sie war‘s nicht!?“

„Kleine Finger werden weit überbewertet.“

„Hast recht. Aber ich fand die gut.“

„Aber sie war‘s halt nicht. Wegen mir kannst sie haben. Ich will deine Finger nicht.

„Danke, Mann! Bist ein echter Freund.“

„Nichts zu danken. Schnapp sie dir, Tiger!“

Der garcon kam, brachte beiden noch einen Cognac und stellte Louis einen neuen Krug mit frischem Eiswasser für seinen Absinth hin. Sie schwiegen eine Weile und gaben sich ihren Gedanken hin. Louis hatte keine Probleme damit. Louis hatte beinahe kein Problem mit irgendwas. Vermutlich, weil er sich um kaum etwas einen Kopf machte. Böse Zungen drückten es so aus, dass er zu wenig im Kopf habe um sich einen zu machen.
Jacques nannten sie den Schwätzer. Weil er zu fast jedem Thema seinen Senf dazugeben musste. Es stimmte: Schweigen war nicht seine Stärke. Dieselben Vögel, die ihre despektierlichen Äußerungen Louis betreffend wie Flugzettel über halb Paris verteilten, hatten gar das Gerücht gestreut, Jacques Lacroix leide an einer äußerst seltenen Krankheit, die bewirke, dass er platzen müsse, wenn er auch nur mal für fünf Minuten die Fresse hielte. Selbst im Schlaf rede er ständig, hieß es. Aber bei ihm akzeptierten es die Leute. Er war Werbetexter. Die mussten wohl so sein. Wenngleich dieser ganze Fünf-Minuten-Schwachsinn natürlich ein hanebüchener excrément de merde war.
Nach vier Minuten und siebenunddreißig Sekunden hielt er es dennoch nicht länger aus.

„Wie läuft‘s mit deiner Schreiberei?“ fragte er, bemüht, es möglichst beiläufig klingen zu lassen. Tatsächlich war er schon ein wenig neugierig, was ein Mann, der dem Alkohol seit seinem 14. Lebensjahr heftigst zugetan war, sich noch an kreativem Output abringen konnte.

„Geht voran. Hab‘ gerade meinen zweiten Roman in der Mache.“

„O.k.!? Mir war nicht bewusst, dass du schon einen ersten Roman fertig hast.“

„Oh, ja. Schon vor mehr als einem halben Jahr beendet. Ist ein toller Roman.“

„Dann hast du schon einen Verleger dafür?“

„Ja, weißt du, das ist gar nicht so einfach. Die Leute stellen sich das immer so einfach vor: Begabter Schriftsteller schreibt Buch, Schriftsteller sucht Verleger, findet Verleger, Verleger verlegt Buch, Schriftsteller wird reich und berühmt, und alle leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Für‘n Arsch alles. So läuft das nicht. Du wirst rumgereicht, aufgeweicht, observiert, abserviert und konserviert. Und wenn die große Flaute kommt, erinnern sie sich an dich, kramen dich aus irgendeiner ihrer Schubladen wieder hervor, und wenn du dann berühmt bist, erzählen sie allen, sie hätten‘s ja schon immer gewusst. So läuft der Hase.“

„Worum geht‘s denn?“

„Was meinst du?“

„Dein Buch. Worum geht‘s in deinem ersten Roman?“

„Ach so, das Buch. Ja also, das ist ein Horror-Thriller, der im Umfeld der Tour de France spielt.“

„Welches Jahr?“

„Keine Ahnung. Ist doch egal. Irgendein Jahr halt. Spielt doch keine Geige.“

„Hört sich interessant an. Bis hierher.“

„Ist es auch. Hör zu: Also da ist dieser Fahrer – Gerard Lecidoux. Der gewinnt fast jede Etappe. Fährt die Konkurrenz in Grund und Boden. Ein echtes Tier, sagt der Kommentator in seinen Berichten immer. Sagen andere auch. Alle sagen das. Und jetzt kommt der Clou: der Typ ist wirklich ein Tier. Er ist – pass auf, jetzt kommt‘s – ein Werbär.“

„Ein WAS bitte?“..........



Ende der Leseprobe



vip

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